Zeitplan

Tagung des Zentrums für Medien und Interaktivität der Justus-Liebig-Universität Gießen

24./25. Oktober 2008

Margarete-Bieber-Saal, Ludwigstr. 34, 35390 Gießen

Seit einer Konferenz im Herbst 2004 wird der Begriff „Web 2.0“ verwendet, um neue Nutzungsmöglichkeiten des Internets zu beschreiben, die sich weniger durch grundlegend andere Techniken als vielmehr durch dezentrale Anwendungen auszeichnen, die den „user generated content“ in den Mittelpunkt stellen. Jeder Nutzer des Netzes wird gleichzeitig als potentieller Produzent von Inhalten angesehen, der mit einfachsten Mitteln von ihm verfasste Texte, selbst hergestellte Filme und ähnliches in das Netz einstellen kann. Bekannte Beispiele sind weblogs, Wikis oder Tauschbörsen. Damit entfernt sich das weltweite Netz noch weiter von den klassischen Massenmedien als es ohnehin in seiner interaktiven technischen Struktur angelegt ist. Der Begriff „Web 2.0“ ist aber unscharf und verdeckt, dass auch diese neuen Formen der Generierung und Verbreitung von Inhalten in soziale, ökonomische und juristische Strukturen eingebunden sind, die dem Ideal der egalitären Teilhabe aller Nutzer Grenzen setzen. Die Tagung nimmt in den Blick, welche Auswirkungen die neuen Formen der Netznutzung haben. In vier Panels werden aktuelle politische, wirtschaftliche und rechtliche Phänomene diskutiert und kritisch analysiert.

Freitag, 24.10.2008:

9.00 Uhr

Begrüßung: Henning Lobin, Geschäftsführender Direktor des ZMI, Universität Gießen

9.15 Uhr

Einführungsvortrag: Karl-Heinz Ladeur, Universität Hamburg


11.00 Uhr

1. Panel: Netzverein vs. Ortsverein - Zur Zukunft politischer Partizipation

Das Panel geht der Frage nach, inwiefern die Nutzung des Internet die Strukturen politischer Beteiligung nachhaltig verändert. Diskutiert werden sollen die Effekte politischer Online-Kommunikation auf traditionelle politische Akteure (im internationalen Vergleich). Zum Beispiel könnte mit Blick auf Weblogs der Frage nachgegangen werden, ob diese eher als ein “politisches” denn als “mediales” Phänomen zu verstehen sind - bislang dominiert in der Debatte die Vorstellung, dass Weblogs vor allem als Konkurrenzformat zu journalistischen Angeboten funktionieren. Die Verbreitung und Nutzung politischer Weblogs in den USA zeigt jedoch, dass hier Aufgaben zur politischen Sozialisation und Kommunikation übernommen werden, die bisher innerhalb etablierter Parteistrukturen statt fanden.

Moderation: Christoph Bieber, Universität Gießen

Keynote: Axel Bruns, Queensland University of Technology, Brisbane

Panel: Jan Schmidt, Hans-Bredow-Institut, Hamburg

Mario Voigt, Universität Jena

Uwe Jun, Universität Trier


15.30 Uhr

2. Panel: Marketing und Verbrauchervernetzung – kulturelle Spannungslinien?

Das Web 2.0 kann in vielerlei Hinsicht als ein Instrument oder eine Infrastruktur der Verbraucheraktivierung interpretiert werden. Unter welchen Bedingungen bietet die Beteiligung der Verbraucher an der Gestaltung der Warenwelt und ihrer Symbolumwelten Chancen der Herstellung von „Konsumentensouveränität“ und wann handelt es sich um Ausbeutung unbezahlter Kreativarbeit? Nicht minder interessant ist zudem die Nutzung der Technologie durch professionelle Marketing-Unternehmen, um mit Strategien des Viral-Marketing und unter Nutzung der subkulturellen Codes des Web 2.0 neue Marken zu kreieren (oder alten Marken ein neues Image zu geben). Hintergrund dieser Überlegung ist die Beobachtung, dass im Feld des Marketing das „in Regie nehmen“ von kulturellen Ausdrucksformen und das „züchten“ von kulturellen Gemeinschaften unter liberalen Leitbildern der „Freiheit“, der „Verbrauchersouveränität“ usw. massiv betrieben und vertieft wird. Paradigmatisch für einen möglicherweise ideologischen Missbrauch der Web 2.0-Utopien ist auch die kommerziell von einem Marketing-Unternehmen betriebene „Verbrauchercommunity“ www.ciao.de. Daneben sollen die (Fehler‑)Potenziale der Verbrauchervernetzung und –aktivierung im Web 2.0 analysiert werden.

Moderation: Jörn Lamla, Universität Gießen

Keynote: Adam Arvidsson, Universität Mailand

Panel: Sigrid Baringhorst, Universität Siegen

Markus Breuer, The Otherland Group, Berlin

Günter Voß, Technische Universität Chemnitz


Samstag, 25.10.2008:

9.30 Uhr

3. Panel: Transformation des Urheberrechts durch das Internet

Welche Rolle nimmt das Recht angesichts der Evolution des Internet ein? Ist es gestaltend, begleitend, hinterherhinkend oder abgehängt, Störfaktor, Hemmschuh oder Querulant? Im Hinblick auf die interdisziplinäre Ausrichtung der Tagung ist das Thema Urheberrecht von besonderem Interesse. Anlass zur Diskussion bieten die Auswirkungen der Digitalisierung auf das geistige Eigentum, z.B. die Software zwischen rechtlicher Aneignung und open source community, das Google book project oder das Digital Rights Management, das neuerdings von einigen Musikverlagen wieder aufgegeben wird. Ist die Idee eines personalisierten, ökonomisch verwertbaren Urheberrechts in Computernetzwerken, die eine unbegrenzte Kopiermöglichkeit bieten, obsolet oder bedarf nur neuer Instrumente, um ein zum Schutz von Kreativität notwendiges Institut aufrechtzuerhalten?

Moderation: Thomas Groß, Universität Gießen

Keynote: Lawrence Solum, University of Illinois

Panel: Georgios Gounalakis, Universität Marburg

John Hendrik Weitzmann, Creative Commons, Saarbrücken

Alexander Peukert, Max-Planck-Institut für Geistiges Eigentum, München


14.00 Uhr

4. Panel: Persönlichkeitsentfaltung zwischen Eigenverantwortung, gesellschaftlicher Selbstregelung und staatlicher Regulierung

Das Internet konstituiert einen sozialen Raum, der zunächst als Realisation von Utopien oder in einer Gegenbewegung als Spiegelbild der realen Welt angesehen wurde. Die Phänomene des web 2.0 weisen es nun als eigentümlichen, aber vielfach mit der offline-Welt verknüpften, zunehmend für die Persönlichkeitsentfaltung genutzten Raum aus. Die Möglichkeiten virtueller sozialer Kontexte erlauben ein neues Spiel mit privaten Selbstentwürfen wie öffentlichen Selbstinszenierungen, die durch das das dezentrale Netz aber zeitlich und räumlich kaum kontrollierbar bleiben. Die partielle Entkopplung von bestehenden sozialen Kontexten senkt die Schwellen für Persönlichkeitsverletzungen und vergrößert ihre Reichweite. Die elektronischen Datenspuren zeichnen unbemerkt Persönlichkeitsmuster auf und die umfassende elektronische Zugänglichkeit der Inhalte unterläuft die traditionellen physischen Zugangsbarrieren zum Schutz der Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen. Das Recht muss die normativen Ansprüche auf freie Persönlichkeitsentfaltung unter den veränderten technischen und sozialen Bedingungen des web 2.0 zur Geltung bringen. Es kann auf Befähigung zum Selbstschutz, Initiierung und Umhegung gesellschaftlicher Selbstregelung im Sinne regulierter Selbstregulierung oder direkte staatliche Vorgaben setzen. Der Persönlichkeitsschutz auf den sozialen Plattformen, der mediale Jugendschutz und das Datenschutzrecht haben hier jeweils eigene, aber sicher noch nicht endgültige Mischungen solcher Regelungsansätze entwickelt und die Rolle und Grenzen des Staates als Schutzgarant sind noch nicht fest konturiert. Das Panel geht den grundlegenden Fragen des Schutzes der Persönlichkeitsentfaltung ebenso wie konkreten rechtlichen Regelungsansätzen nach.

Moderation: Martin Eifert, Universität Gießen

Keynote: Alexander Roßnagel, Universität Kassel

Panel: Murad Erdemir, Justiziar der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien, Kassel

Vagias Karavas, Universität Luzern

Beate Rössler, Universität Amsterdam/Leiden


17.00 Uhr

Zusammenfassung: Thomas Groß